Pionierarbeit made in Tirol

Da wo Tirol draufsteht, muss doch auch Tirol drin sein?! Zum 20jährigen Bestehen wollten wir es wissen: ist es möglich, ein Kleidungsstück 100 % made in Tirol zu produzieren – angefangen bei den Rohstoffen bis hin zur Fertigung?
„So nah und regional wie möglich“ lautet unser Motto bei der Wahl der Produkte und Partner, jedoch gibt es für viele Artikel bei uns in Tirol schlichtweg keine Produktionsmöglichkeit, von den Rohstoffen ganz zu schweigen.

Deshalb wollten wir den Versuch wagen und jenes Produkt neu denken, mit dem vor 20 Jahren alles begann: die Star-Mütze.
Unser Anspruch lautete 100 % Made in Tirol. Das heißt: ausschließlich aus heimischen Materialien und vollständig in Tirol gefertigt.

Die Suche nach dem passenden Material

Wir machten uns also auf die Suche nach einem geeigneten Material für unsere Mütze. Diesen Weg beschritten wir nicht allein, sondern gemeinsam mit unseren auf alpine Rohstoffe spezialisierten Kollegen von der Standortagentur.
Das Naheliegendste für eine Mütze wäre natürlich heimische Schafwolle gewesen. Das Problem ist jedoch, dass sich die Wolle vom Tiroler Bergschaf weder durch besonders weiche noch sonderlich kuschelige Eigenschaften auszeichnet. Deshalb ist sie als Solomaterial für Kleidung oder Accessoires, die direkt auf der Haut getragen werden, weniger geeignet und wird vorwiegend für Patschen, Teppiche und als Isolationsfaser verwendet.

Wer suchet, der findet

Also mussten wir weiter forschen, bis unsere Suche schlussendlich in Osttirol von Erfolg gekrönt wurde: in Dölsach nahe Lienz kultiviert Michael Halbfurter seit fünf Jahren Nutzhanf. Begonnen hat er mit einem halben Hektar, inzwischen ist sein Hanffeld auf die Fläche von sechs Fußballfeldern angewachsen. Blüten und Samen verarbeitet er zu Tee und Öl, die Stängel blieben bis dato jedoch mangels eines geeigneten Mähdreschers ungenutzt am Feld zurück. Das soll sich aber schon bald ändern: derzeit tüftelt Michael gerade an einer Maschine, um auch diese ökonomisch ernten zu können und so an jenes Ausgangsprodukt zu gelangen, aus dem die begehrten Fasern für die Textilherstellung gewonnen werden können. Für unser Experiment hat der Hanfbauer einige Stängel manuell geerntet, die uns als Basis für eine Mütze 100 % made in Tirol dienten.

Herausforderungen bei der Verarbeitung

Das Material war also gefunden und der erste Schritt gelungen, aber auch für die Weiterverarbeitung der Stängel gibt es in Tirol derzeit weder geeignete Maschinen noch umfangreiches Know-How. Deshalb mussten wir auf jahrhundertealte Gerätschaften zurückgreifen, um aus den Hanfstängeln ein verstrickbares Garn zu gewinnen: im Ötztaler Heimat- und Freilichtmuseum wurden unsere Osttiroler Hanfstängel in traditioneller Handarbeit beim sogenannten Hecheln und Brecheln so aufbereitet, dass am Ende nur mehr die Fasern übrig blieben – genauso, wie wir es zur Weiterverarbeitung brauchten.

Hanf allein geht nicht

Im Zuge unserer weiteren Versuche stellte sich jedoch heraus, dass sich Hanf allein nicht zu einem Garn verarbeiten lässt: die Faser gilt zwar als stärkste Pflanzenfaser der Welt, ist feuchtigkeitsregulierend und unempfindlich, aufgrund ihrer Beschaffenheit muss sie aber mit einem anderen Material kombiniert werden, damit daraus Textilien gemacht werden können. In der Textilindustrie kommen als sogenanntes Trägermaterial häufig Baumwolle, Viskose oder Polyester zum Einsatz. Für eine Mütze, die zu 100 % aus regionalen und natürlichen Rohstoffen gefertigt sein soll, war dies natürlich keine Option. Deshalb landeten wir schlussendlich doch wieder bei der Tiroler Schafwolle, die - gepaart mit den Hanffasern – ein durchaus passables Garn für eine Mütze 100 % made in Tirol ergab.

Vom Prototyp zur Serienproduktion

Aus dem Hanf-Schafwoll-Garn wurden schließlich per Hand auch schon erste Prototypen gestrickt – unser Experiment war also gelungen!
Damit die Mütze allerdings in Serie gehen kann, braucht es noch einige Anpassungen und Weiterentwicklungen in der Rohstoffgewinnung und Fertigung, denn derzeit gibt es in Tirol weder genügend Hanf noch die geeigneten Maschinen und Verfahren, um die Stängel für eine Serienproduktion so zu verarbeiten, dass es auch wirtschaftlich tragbar wäre. Das bedeutet, dass wir den Hanf vorerst noch aus alpinen Nachbarländern wie beispielsweise Frankreich beziehen werden müssen. Und die Aufbereitung der Stängel wird ebenfalls (noch) nicht in Tirol stattfinden können. Auch werden wir die Mütze nicht in Tirol, sondern wie all unsere anderen Mützen in Bayern stricken lassen, wo wir seit Beginn an mit einem Partner unseres Vertrauens zusammenarbeiten, der als der Spezialist in Sachen Strickmütze gilt.

Das bedeutet: eine Mütze 100 % made in Tirol in Serienproduktion ist derzeit noch nicht realistisch, jedoch sind wir unserem Ziel schon entscheidende Schritte nähergekommen. Auf diesem Weg konnten wir wertvolles Wissen darüber sammeln, was notwendig ist, um aus unserer Vision tatsächlich irgendwann Realität werden zu lassen. Und inzwischen ist eine Mütze 100 % made im Alpenraum ja auch nicht so schlecht, oder?!

Manu Delago als kreativer Kopf

Das Design der Hanfmütze wurde von unserer Art-Direktorin Jana Windhaber in Zusammenarbeit mit dem Tiroler Musiker Manu Delago entwickelt. Dieser ist nicht nur für seine außergewöhnliche Musik bekannt, sondern auch für seinen nachhaltigen Lifestyle: so hat er beispielsweise die im Sommer durchgeführte Tournee zur Gänze mit dem Fahrrad absolviert.
Manu erschien uns also als der ideale Partner im Projekt „Tirol-Mütze“, deshalb haben wir haben ihn dazu eingeladen, das Design mitzugestalten. Bei den Ideen zum Entwurf ließ sich Manu von der Natur inspirieren – die Farbe Grün und das Element Baum sollten fixe Bestandteile des Designs sein, darüber hinaus wünschte er sich ein kleines Zitat eines Tiroler Huts, welches Jana mit einer stilisierten, gestrickten Kordel realisiert hat.

Wenn Abfall zum Rohstoff wird

Übrigens: die Paarung aus Hanf und Schafwolle  ist ein echtes Best-Practice-Beispiel für alpine Kreislaufwirtschaft, denn sowohl die Hanfstängel als auch die Schafwolle stellen in Tirol bis heute größtenteils Abfallprodukte dar –Schafe werden hierzulande hauptsächlich zur Landschaftspflege gehalten, die Wolle ist ein Nebenprodukt, das leider allzu oft keine Verwendung findet.

Prototyp in Handarbeit

Warum Hanf?

Hanf, oder im Lateinischen Cannabis genannt, ist eine der ältesten Kulturpflanzen überhaupt. Längst hat sich die Pflanze von ihrem berüchtigten Image als Rauschmittel emanzipiert: der sogenannte Nutz- oder Industriehanf erlebt derzeit ein weltweites Revival und kommt nicht nur bei Lebensmitteln und Bekleidung, sondern auch als Bau- und Werkstoff immer häufiger zum Einsatz.
Die Pflanze mit den markanten Blättern punktet mit vielen Vorzügen: sie gedeiht bis auf 1.400 Meter Seehöhe, wächst schnell und hoch, kommt ohne Dünger und Pestizide und künstliche Bewässerung aus, fördert die Biodiversität und bindet große Mengen an CO2.
In Tirol ist die Kultivierung von Hanf derzeit jedoch noch ein landwirtschaftliches Stiefkind. Das soll sich aber schon bald ändern: in der Standortagentur beschäftigt sich ein eigenes Team rund um Materialtechnologin Valentine Troi zusammen mit Hochschulen, Landwirten und Unternehmen damit, Hanf in Tirol wieder vermehrt zu kultivieren und seinen nachhaltigen Anbau zu fördern. Ziel dabei ist, dass nicht nur einzelne Teile verwertet werden, sondern im Sinne einer Kreislaufwirtschaft möglichst die ganze Pflanze vom Stängel bis zum Samen.